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Jan
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14:00
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Freitag, 04.12.2020 -

1. Mannschaft

Im Gespräch mit Tolga Cokkosan

„Wir sind als Familie zusammengewachsen“

Tolga Cokkosan spielte in der Hinrunde der Saison 2019/20 für die SG Wattenscheid 09, ehe der Linksverteidiger im Januar 2020 zum WSV wechselte, wo er sofort Stammspieler wurde. Der 25-jährige, der auf die Erfahrung von über 100 Regionalligaspielen zurückblicken kann, verlängerte im Sommer seinen Vertrag und ist - nach einer verletzungsbedingten Pause an den ersten vier Spieltagen - auch in der aktuellen Saison nicht aus der Mannschaft wegzudenken. Für Ausgabe 5 des WSV-Stadionmagazins - die zum Wiedenbrück-Heimspiel erschienen ist - hat sich die neunzehn54-Redaktion mit Tolga Cokkosan unterhalten.

Hallo Tolga. Lass uns eingangs noch mal auf den Sommer zurückblicken. Nachdem sich beim WSV abzeichnete, wie es weitergeht, verlängerten nach und nach die Stammspieler. Auf deine Zusage mussten die WSV-Fans etwas warten. Im Juni / Juli las man in der Presse von anderen Angeboten und einem möglichen Probetraining beim niederländischen Zweitligisten Go Ahead Eagles. Letztlich wurde Anfang August deine Vertragsverlängerung bekannt gegeben. Welcher Entscheidungsprozess ist da in dir abgelaufen?

Für mich war eigentlich immer klar, dass ich beim WSV unterschreiben werde, es waren aber noch ein, zwei Dinge zwischen meinem Berater und dem Sportdirektor zu besprechen gewesen. Es gab zwar andere Angebote und es war im Gespräch, dass der holländische Zweitligist Interesse hat, jedoch wegen Corona nicht wusste, was finanziell möglich ist. Klar könnte es prinzipiell reizen, Profifußball in der zweiten holländischen Liga zu spielen, aber ich war dort nicht beim Probetraining und habe mich nicht verrückt machen lassen. Ich habe mich persönlich immer auf den WSV als meinen aktuellen Verein konzentriert und bin davon ausgegangen, dass ich bleibe. Ich wurde hier gut aufgenommen, fühle mich wohl und das waren für mich die entscheidenden Punkte, bei denen ich gesagt habe, dass ich auf jeden Fall hier bleiben möchte.

Zu Beginn der Saison warst du dann erst mal verletzt. Welche Verletzung hattest du und wie frustrierend war diese zwangsweise Auszeit für dich?

Für mich selbst war das natürlich ein blöder Zeitpunkt, denn ich hatte mich übelst auf die Saison gefreut. Wir sind als Familie zusammengewachsen, jeder hat sich auf seiner Position wohl gefühlt und ich bin topfit gewesen. Ich habe eine doofe Entscheidung getroffen: Im Training hatte ich bereits gemerkt, dass die Wade zu ist. Ich hätte mich schonen und ein, zwei Tage aussetzen sollen. Stattdessen wollte ich aber das wichtige Vorbereitungsspiel vor dem Saisonstart beim FC Gießen nicht verpassen. Dann habe ich mir den Muskelfaserriss zugezogen und das Testspiel wurde sogar noch abgesagt, so dass ich mich umso mehr ärgern musste, nicht Pause gemacht zu haben. Das war schon ein bisschen dumm, dass ich acht Wochen Vorbereitung absolviert, aber dann die ersten vier Saisonspiele verpasst habe. Ich bin aber zu jedem Spiel gefahren, um die Mannschaft zu unterstützen.

Bist du dann aus deiner Sicht gut in die Saison gekommen?

Ich kam überraschend schnell wieder zurück. Mir waren vorher sechs Wochen Pause angekündigt worden, dann war ich aber nach vier Wochen wieder auf dem Platz. Dafür kann ich mich nur sehr bei den Physios bedanken. Das erste Spiel war für mich gegen Preußen Münster. Ich habe von Anfang an gespielt und wurde in der 81. Minute ausgewechselt, weil ich wegen Krämpfen nicht mehr konnte. Wir haben 1:1 gespielt und ich habe mir wegen des späten Ausgleichs selbst Vorwürfe gemacht, da die Flanke nach meiner Auswechslung genau über „meine“ Seite geschlagen wurde. Ich habe mir Gedanken gemacht: Wäre ich doch auf dem Platz geblieben, dann wäre das vielleicht nicht passiert. Aber sonst war das für mich natürlich ein schönes Gefühl, der Mannschaft wieder helfen zu können und für sie da zu sein.

Wie beurteilst du den bisherigen Saisonverlauf?

Wir alle wissen selber ganz genau, dass wir zu wenig Punkte haben für unsere Verhältnisse und die Qualität, die wir auf dem Platz haben. Wir haben eine super Truppe zusammen, es passt einfach auch alles. Aber die Punkteausbeute ist zu gering und so Niederlagen wie in Homberg und in Wegberg-Beeck dürfen uns einfach nicht noch mal passieren. Ob man schön gespielt hat oder nicht, am Ende zählen die Punkte.

Corona ist derzeit das beherrschende Thema. Englische Wochen, positive Tests, sich verändernde Mannschaftsaufstellungen, kurzfristige Spielausfälle. Wie fühlen sich die ganzen Unberechenbarkeiten für einen Fußballer im Leistungssportbereich an?

Es ist natürlich so, dass man bereits am Anfang der Woche anfängt, Spannung aufzubauen. Bereits ab Dienstag spricht man nur noch über das nächste Spiel. Wenn dann immer wieder kurzfristige Spielabsagen kommen, ist das schon komisch. Ich sehe das so wie Stephan Küsters: Wir können froh sein, dass unsere Saison überhaupt weitergeht, dass wir als Profiliga angesehen werden und dass wir getestet werden. Uns wurde gesagt, man lässt sich regelmäßig testen. Die Spieler, die positiv getestet werden, müssen in Quarantäne - die Spieler, die negativ getestet werden, können auflaufen. Insofern verstehe ich eine Spielabsage wie gegen Straelen nicht. Ich hoffe, dass da eine Linie reinkommt, damit so wenig wie möglich Spiele ausfallen, denn man kommt immer wieder aus dem Rhythmus. Klar, das soll man nicht als Ausrede nehmen, aber es macht schon einen Unterschied, wenn man die Spannung aufbaut und nachher hat man dann doch wieder frei. Man möchte natürlich Gewissheit, ob man nun spielt oder nicht.

Bei einer gewissen Anzahl absolvierter Spiele könnte auch ein Abbruchszenario drohen. Ist es aus diesem Grund vielleicht auch eine besonders gefährliche Saison in Bezug auf den Klassenerhalt? Macht man sich über so etwas Gedanken oder blendet man das aus?

Ich glaube, jeder Spieler geht damit anders um. Man sollte sich auf jeden Fall Gedanken machen. Klar ist das in den Köpfen drin und deshalb müssen wir zusehen, entsprechend zu punkten. Ich bin aber guter Dinge und sage, dass wir mit Abstiegskampf nichts zu tun haben werden, wenn wir unser Ding durchspielen und nicht auf andere gucken. Von unserer Qualität her dürfte das Wort Abstiegskampf in unserem Umfeld gar keine Rolle spielen. Aber es ist schon richtig: Man hat auch Druck von unten. Wir müssen abliefern und zeigen, was wir können. Und da ist jeder Punkt sehr, sehr wichtig.

Hat man in diesen Zeiten auch Sorgen um seine berufliche Existenz als Fußballer?

Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir darüber noch gar keine Gedanken gemacht, weil ich mich wirklich ausschließlich auf Fußball konzentriere. Ich habe zwar mein Abitur gemacht und damals überlegt, eine Ausbildung zu machen, aber das ist zeitlich unmöglich gewesen, da ich dann auch in Essen gespielt habe, wo wir sehr oft zwei Mal pro Tag Training hatten. Ich habe aber Eltern, die mir sehr früh beigebracht haben, sparsam zu sein und Geld zur Seite zu legen. Klar hat man nicht an so eine Pandemie gedacht, aber man sollte zum Beispiel für den Fall vorsorgen, dass es vielleicht mal aufgrund einer Verletzung nicht weitergehen kann. Deswegen bin ich meinen Eltern sehr dankbar dafür, dass ich gelernt habe, viel Geld zur Seite zu legen, obwohl ich „nur“ vierte Liga gespielt habe. Ich bin wirklich komplett fußballfokussiert und hoffe, dass es für mich auf diesem Weg weitergeht. Ich wüsste derzeit auch noch gar nicht, was ich nach dem Fußball arbeiten soll, weil ich einfach mit Fußball und in einer komplett fußballverrückten Familie aufgewachsen bin.

Hat die Auslosung der diesjährigen 2. Runde des DFB-Pokals Erinnerungen in dir geweckt? Rot-Weiss Essen trifft auf Fortuna Düsseldorf. Da war doch was am 9. August 2015?

Ich habe die Auslosung mit meinem Papa zusammen verfolgt und er hat sofort gesagt „das wäre doch wieder ein Spiel für dich“. Ich stand damals mit dem Viertligisten Rot-Weiss Essen im DFB-Pokal gegen den Zweitligisten Fortuna Düsseldorf auf dem Platz. Nach 120 Minuten stand es 0:0 und wir haben dann leider im Elfmeterschießen 1:3 verloren. Das war vor großer Kulisse für mich als Fußballer schon ein Highlight-Spiel. Aber auch für die türkische U17-Nationalmannschaft habe ich vier Spiele gemacht.

Wie sind deine Erinnerungen daran?

Das ist natürlich ein schönes Gefühl, wenn man das Trikot des Landes tragen darf, aus dem man herkommt. Ich war megastolz. Es war auch ein schönes Gefühl, meinen Eltern etwas wiedergeben zu können für das, was sie mir alles ermöglicht haben. Sie haben mich jahrelang unterstützt und mich überall hingefahren. Ich musste nie den Zug nehmen und wurde von ihnen immer von der Schule zum Training gefahren.

Wann und warum ist die Zeit in den türkischen Auswahlmannschaften abgerissen?

Zu der Zeit war ich in der U19 des VfL Bochum. Ich habe tatsächlich noch eine Einladung für die U19 der Türkei erhalten, musste aber mit dem Verein klären, ob ich hinfahren kann, weil wir mitten in der Saison gewesen sind. Der Verein hat gesagt: Entweder du bleibst hier oder du gehst zur Nationalmannschaft, dann spielst du hier aber nicht mehr. Ich habe mich natürlich für den Verein entschieden, was mir auch sehr wichtig war, denn ich war zu dem Zeitpunkt Kapitän der U19 des VfL Bochum. Daraufhin habe ich keine Einladung mehr zur Nationalmannschaft bekommen.

Du hast die türkische und die deutsche Staatsbürgerschaft. Wäre für dich in der Jugend auch in Frage gekommen, für eine deutsche U-Nationalmannschaft zu spielen?

Ich hatte die Einstellung entwickelt, wer zuerst anklopft und mich einlädt, zu dem werde ich gehen und dem möchte ich dann auch beweisen, dass er keinen Fehler gemacht hat, auf mich zu setzen. Von der deutschen Nationalmannschaft hatte ich nichts bekommen und dann habe ich mich für die Türkei entschieden, als diese sich gemeldet hat.

Du bist in Gelsenkirchen geboren. Welche Erinnerungen hast du an deine Kindheit und Jugend? Wie bist du zum Fußball gekommen?

Ich habe mit drei Jahren mit dem Fußballspielen angefangen und bin mit dreieinhalb zu Schalke gewechselt. Ich habe in der Pampers-Liga gespielt und ich kann mich noch daran erinnern, dass wir auf Asche gespielt haben. Mit sechs Jahren bin ich zum VfL Bochum gewechselt, wo ich 15 Jahre geblieben und die ganze Jugend durchlebt habe. Ich hatte beim VfL Bochum den Profivertrag fast schon in der Hand, aber nach einem Trainerwechsel kam es zu Umstellungen. Ich habe dann noch in der damaligen zweiten Mannschaft gespielt, die irgendwann abgemeldet worden ist. Dann ging mein Weg weiter nach Essen. Zu meiner Kindheit: Ich habe von klein auf immer einen Ball dabei gehabt. Mein Vater hat zwar nirgends gespielt, war aber total fußballverrückt. Meine Kindheit war sehr auf Fußball bezogen. Ich wurde von der Schule abgeholt und sofort nach Bochum zum Training gefahren. Nach dem Training habe ich auf dem Nachhauseweg oder zu Hause Hausaufgaben gemacht und bin spät schlafen gegangen. Das war dann jeden Tag das gleiche. Freunden musste ich immer absagen, weil ich zum Training musste oder am nächsten Tag ein Spiel hatte. Für mich gab es nichts anderes außer Fußball und Schule. Wobei Schule schon auch sehr, sehr wichtig war, auch von meinen Eltern aus. Sie haben immer gut darauf aufgepasst, dass die Schule sehr gut läuft.

In Gelsenkirchen geboren, aus einer deutsch-türkischen Familie stammend. Für Schalke und Rot-Weiss Essen gespielt. Dasselbe trifft auch auf Mesut Özil zu. Mit einem Augenzwinkern gefragt: Träumst du von einer ähnlichen Karriere?

Das wäre natürlich überragend, denn wer träumt nicht davon? Aber ich bin jetzt 25 Jahre alt und gehöre zu den Älteren in der Mannschaft. Heutzutage bekommen die Jüngeren schon mit 16 bis 18 einen Profivertrag. Aber ich bleibe dran und gebe nicht auf. Ich ziehe mein Ding durch, egal wie alt ich bin. Ich lerne immer dazu, auch wenn ich 35 bin. Ich werde so viel Gas geben, dass ich es später nicht bereue, wenn ich es nicht in die Profiliga geschafft habe. Ich möchte mir später sagen können, alles gegeben und alles richtig gemacht zu haben, auch wenn es dann vielleicht nicht funktioniert hat. So lebe ich von Tag zu Tag und gebe einfach Vollgas. Kai Pröger ist mit 27 von Essen zu Paderborn gewechselt und Profi geworden. Man sollte einfach fit bleiben und hoffen, dass man sich nicht verletzt.

Mit welchen Dingen verbringst du gerne deine Freizeit?

Meine Familie ist mir sehr wichtig. Wir hocken total aufeinander, treffen uns und essen gemeinsam. Zugegebenermaßen bin ich playstation-verrückt. Ich bin tagtäglich mit den Jungs vom WSV am Zocken, das ist immer eine gute Ablenkung. Ansonsten gehen wir mit den Jungs auch mal eine Runde spazieren, um ein bisschen den Kopf frei zu kriegen, soweit es die Corona-Regeln zulassen.

Was erwartest du vom Heimspiel gegen den SC Wiedenbrück?

Man sollte die Aufsteiger niemals unterschätzen, aber ich sage ganz deutlich, und das wissen wir glaube ich alle, dass wir gegen Wiedenbrück gewinnen wollen und auch werden. Da gibt es für mich keine zweite Meinung. In diesem Spiel müssen Punkte her.

Vielen Dank für das Gespräch, Tolga, viel Erfolg im rot-blauen Trikot und bleib gesund!

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