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Dienstag, 30.03.2021 -

1. Mannschaft

„Ich bin einfach Wuppertaler“

Unser Stadionmagazin neunzehn54 im Gespräch mit Samir El Hajjaj

Zu einem Fußballteam gehören bekanntlich mehr als elf Spieler auf dem Feld. Da über die handelnden Personen im „Hintergrund“ vergleichsweise wenig berichtet wird und bekannt ist, sprachen wir mit Samir El Hajjaj, Co-Trainer der Regionalligamannschaft des WSV, der ebenfalls bei unserer U19 zum Trainerteam gehört. Samir ist schon länger im Löwenstall aktiv und seit der Winterpause 2019/20 mitverantwortlich für die Seniorenmannschaft.

Samir El Hajjaj ist gebürtiger Marokkaner und kam mit elf Jahren zusammen mit seiner Mutter nach Wuppertal. Die ersten Kontakte knüpfte er gemeinsam mit einem Freund, der ebenfalls die deutsche Sprache nicht beherrschte, auf dem altehrwürdigen Sportplatz Eschenbeek. „Ich habe in der Nordstadt gewohnt und dort waren wir immer mit Freunden am Zocken. Dann wurden wir gefragt, ob wir nicht mitspielen möchten und sie waren sofort begeistert, weil wir die Besten waren“, erzählt Samir und kann sich bei der Erinnerung ein lautes Lachen nicht verkneifen. Zuvor spielte er in seinem Geburtsland nicht in einem Team und „pöhlte“ lediglich mit seinen Freunden zum Spaß. Nach seiner ersten Station beim FC 1919 Wuppertal und teilweise kuriosen Ergebnissen wurde der SSV Germania Wuppertal auf unseren heutigen Co-Trainer aufmerksam, der sich fortan den „Germanen“ anschloss. „Die wurden in diesem Jahr Meister und haben einmal mit 19:0 und einmal 21:1 gegen uns gewonnen. In der Saison danach haben sie mich zum Freudenberg geholt“, berichtet der 37-jährige über seinen ersten Wechsel. Bei den Germanen spielte er bis zum letzten Jahr in der A-Jugend, ehe er bei den Senioren fortan als Kapitän für Borussia Wuppertal auflief. An seinen zweiten Verein vom Freudenberg in Wuppertal hat Samir nur gute Erinnerungen: „Germania hat alles für mich gemacht und sich gekümmert. Es war alles nicht so einfach für mich. Sie haben zum Beispiel Trainingsklamotten und Mannschaftsfahrten für mich organisiert.“ Anschließend lief Samir für einige Vereine in Wuppertal und Umgebung auf, spielte Fußball bis zur Oberliga, ehe er nach seiner letzten Station beim Cronenberger SC in der Landesliga und dem Aufstieg in die Oberliga seine aktive Laufbahn beendete. Eine andere Station war der SC Sonnborn, wo er mit dem ehemaligen WSV-Trainer Stefan Vollmerhausen zusammen kickte. „Das war sehr witzig mit Stevie, wir waren zusammen auf Mallorca und hatten viel Spaß“, erinnert sich Samir an seinen ersten Kontakt mit „Stevie“. Bei dem es allerdings nicht bleiben sollte: „Ich habe damals als Kreisliga B-Trainer von Viktoria Rott bei ihm hospitiert. Ich war in der Kreisliga B und er in der Regionalliga. Den Weg, den er gegangen ist, fand ich toll. Ich fand das wirklich sehr gut und es hat mir viel gebracht.“

Erste Trainererfahrungen bei Viktoria Rott

Nach vielen Stationen als Spieler, die er meistens auf der „10“ bestritt, sammelte Samir die ersten Erfahrungen an der Außenlinie. „Ich habe durch Pascal Sack das Trainergeschäft angefangen, dann war ich drei Jahre bei Viktoria Rott in der Kreisliga B und bin mit ihnen aufgestiegen in die Kreisliga A. Danach habe ich die U13 des WSV übernommen und bin jetzt Co-Trainer der Regionalligamannschaft“, so der 37-jährige über seine steile Karriere. Als bei den Rot-Blauen nach Samirs Ankunft im Löwenstall der damalige U19-Co-Trainer getauscht wurde, entdeckten die Verantwortlichen der WSV-Jugend ihren neuen Schützling in den eigenen Reihen. „Ich war zeitgleich Cheftrainer in der U13 und Co-Trainer unter Pascal Bieler in der U19. Anschließend bin ich mit der damaligen U13 in die U14 hochgegangen. Am 20. Januar letzten Jahres hat sich das dann mit der Ersten ergeben, als Pascal Bieler die Mannschaft übernommen hat und mich dabeihaben wollte“, so El Hajjaj, der anfügt: „Ich bin Pascal Bieler dafür sehr dankbar. Durch die Zusammenarbeit mit ihm habe ich sehr viel lernen und mich weiterentwickeln können.“ Samir besitzt die Trainer B-Lizenz und sein großes Ziel ist die A-Lizenz. Er hat mit der Trainer B-Elite angefangen und bereits 50 Prozent erfolgreich absolviert, bis ihm Corona einen Strich durch die Rechnung machte und der Lehrgang pausieren musste. Laut Samir ist sein schneller Aufstieg in den Profifußball nicht allein sein Verdienst, sondern hängt viel mit seiner ersten Station im Löwenstall zusammen: „Als ich der damaligen U14 gesagt habe, dass ich bei ihnen aufhöre, war ich echt fertig und habe geweint. Ich habe die Mannschaft einfach geliebt, mein Herz hing an der Truppe und es hat mir viel Freude bereitet, die Jungs weiterzuentwickeln. Ich habe ihnen gedankt, denn hätten sie nicht diese Leistung gebracht, wäre ich jetzt auch nicht da, wo ich bin. Wir haben jeden geschlagen und sind Meister geworden in der Niederrheinliga.“ Samir weiter: „Ich bin super dankbar, dass ich das alles machen darf, für den Verein und die Stadt.“ Angesprochen auf seine emotionale Art lacht er laut und sagt: „Wenn ich nicht mehr emotional bin, dann nur, weil ich mich zurückhalten muss.“ Über die Arbeit mit der Nachwuchsmannschaft in der Bundesliga berichtet Samir: „Ich bin die Schnittstelle zwischen der A-Jugend und den Herren. Die Jungs, die es schaffen, machen mich echt stolz, wenn ich sie täglich sehe und wir sie solange durch die Jugend bis zur Ersten weiterentwickelt haben. Ich achte sehr auf die Jungs und versuche ihnen alles zu ermöglichen, damit sie sich bestmöglich entfalten können. Dass es nicht einfach ist, sich durchzusetzen und in die erste Mannschaft zu kämpfen, weiß ich. Deswegen versuche ich alles, damit sie sich wohlfühlen. Sie können immer zu mir kommen und mir alles anvertrauen. Das wissen die Jungs aber auch.“ Als Co-Trainer ist Samir immer sehr früh am Stadion und bereitet auch von zu Hause einiges vor, wie Videomaterial oder Trainingsübungen. Den zusätzlichen Arbeitsaufwand vor Ort beziffert er wie folgt: „Ich bin schon immer zwei oder drei Stunden vor dem Training am Stadion.“

Der WSV ist sein Verein, Wuppertal seine Stadt

Im Gespräch mit neunzehn54 berichtet Samir, wie stolz er ist, für den Klub arbeiten zu dürfen und wie verbunden er mit dem Verein und der Stadt ist: „Das ist hier meine Heimat, ich bin von Barmen in zehn bis fünfzehn Minuten am Stadion und bin dann in meinem Zuhause. Die Zuschauer im Stadion kenne ich, es sind viele Freunde von mir dabei, die auch glücklich sind, dass ihr Freund jetzt bei ihrem Verein ist. Ich habe auch viele wirkliche Hardcorefans als Freunde. Fußball ist für mich eine Familie. Solange ich ein Angebot habe, beim Wuppertaler SV zu arbeiten, kann mich anrufen wer will. Wenn es nach mir geht, würde ich mein ganzes Leben hier arbeiten“, so der fünffache Familienvater, der mit seinen Kindern und seiner Frau auf dem Rott wohnt. Auf seinen Weg beim WSV ist er sehr stolz, meint aber auch: „Ich muss mich nicht über meinen Job profilieren - ich bin Samir, der Mensch und Familienvater.“ Da die Trainingseinheiten der Jugendmannschaften am Abend stattfanden, schaffte Samir es seinerzeit auch noch, ein Engagement als Integrationsbeauftragter für behinderte Kinder am Nordpark in Wuppertal unter einen Hut zu bekommen. Seitdem er aber auch vormittags auf dem Rasen steht, um das Training bei der ersten Mannschaft mitzugestalten, ist dies für ihn nicht mehr möglich. Nach seiner Schullaufbahn absolvierte unser heutiger Co-Trainer eine Ausbildung bei Galeria Kaufhof und konnte auch dort seine Stärken nutzen, wie er stolz berichtet: „Ich bin gelernter Kaufmann und habe früher eine Ausbildung in der Galeria Kaufhof gemacht. Meine Stärken waren das Beobachten und die Kommunikation mit Menschen, was mir heute sehr hilft. Ich sehe sofort, wenn es einem jungen Spieler nicht gut geht und rede dann mit ihm.“ Wenn der Familienvater nach getaner Arbeit nach Hause kommt oder einen seiner vier Schützlinge auf dem neuen Kunstrasen am Rott vom Training abholt, kann es zu Hause sofort weitergehen: „Ich habe vier Jungs - und ein kleines Mädchen ist vor Kurzem dazugekommen. Alle meine Jungs spielen auch schon Fußball bei Viktoria Rott. Wir haben ein eigenes Fußballzimmer. Im Keller haben wir den übrigen Kunstrasen vom neuen Platz am Rott liegen, den sie sonst weggeschmissen hätten, weil er übriggeblieben ist“, so der Familienvater über die Liebe zum Fußball im Hause El Hajjaj. Wie wohl sich die Familie in Wuppertal fühlt und wie gerne er hier lebt, kann Samir gar nicht oft genug betonen. Wie zivilisiert es hier vonstattengeht, sei für ihn ein Privileg. Über sich selbst sagt er: „Ich bin kein Deutscher, ich bin kein Marokkaner, sondern ich sag einfach: Ich bin Wuppertaler.“ Samirs Lieblingsspieler war kein Geringerer als der heutige Trainer von Real Madrid, Zinedine Zidane: „Er war für mich der Spieler überhaupt. Diese Übersicht, diese Torgefährlichkeit, diese Pässe in die Schnittstelle - und was ich an ihm liebe, ist sein erster Kontakt. Der ist von einem anderen Stern, wobei sein Abgang nicht ehrenhaft war mit der roten Karte im WM-Finale gegen Italien. Aber ansonsten ist es der Spieler, zu dem ich immer aufgeschaut habe und dachte, das ist für mich Fußball. Er war einfach ein Entscheidungsspieler, der bei der WM, EM und im Champions League-Finale gegen Leverkusen, sogar per Fallrückzieher, entscheidende Tore erzielt hat. Das können bis heute nicht viele. Und sehr gerne gemocht habe ich noch immer Oliver Kahn. Vor ihm und seiner „immer weiter“-Mentalität hatte ich immer Respekt. Das ist für mich ein Mentalitätsmonster“, so El Hajjaj.

Die neunzehn54-Redaktion bedankt sich bei Samir El Hajjaj für die interessanten Einblicke in sein Leben und seine Gefühlswelt, verbunden mit den besten Wünschen für Gesundheit und Erfolg, sowohl bei den anstehenden Trainerlehrgängen als auch auf dem weiteren Weg als Coach mit Herzblut beim Wuppertaler SV!


Quelle: neunzehn54

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