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Dienstag, 02.02.2021 -

Löwenstall

„Die Jugend ist traditionell das Aushängeschild des Vereins“

Hintergrund: Nachwuchsleistungszentrum und Stadionturnhalle

Der blamable Auftritt der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der EM 2000 und die wenigen deutschen Talente in den beiden oberen Ligen gaben vor 20 Jahren den Anstoß zu einer weitreichenden Reform der Nachwuchsausbildung. Unter anderem wurden alle Erst- und Zweitligisten zur Gründung eines Nachwuchsleistungszentrums (NLZ) verpflichtet. Der Gewinn der Weltmeisterschaft 2014 - mit vielen in den NLZ ausgebildeten Spielern - gilt gemeinhin als ultimative Bestätigung für den Erfolg dieser Reformen. Doch nur wenige Jahre später gibt es wieder ähnliche Alarmsignale: Die WM 2018 verlief alles andere als erfolgreich, die Nachwuchsmannschaften des DFB verpassten die Teilnahme an der U19-EM, U17-WM und U20-WM gleich ganz. In der Bundesliga sieht es auch nicht besser aus: Unter den laut „transfermarkt.de“ dreißig wertvollsten Spielern befindet sich mit Florian Wirtz nur ein deutscher. Durch eine erneute Reform soll der Anschluss an die europäische Spitze wiederhergestellt werden. Doch was hat das alles mit einem Regionalligisten wie dem WSV zu tun? Die Pläne des 2018 gestarteten „Projekt Zukunft“ sehen laut „Kicker Sportmagazin“ vor, dass die 56 Leistungszentren ab der U14 aus dem bestehenden Ligen-System ausgekoppelt werden.

Was das für unsere Jugendabteilung bedeutet und was der Umbau der alten Turnhalle damit zu tun hat, erklärte Jugendleiter Dirk Schneider in Ausgabe 6 des WSV-Stadionmagazins „neunzehn54“. Außerdem hat die neunzehn54-Redaktion mit Alexander Ende - Trainer der Gäste von Fortuna Köln (Heimspiel am Sonntag, den 7. Februar 2021, 14:00 Uhr) und früher als Trainer der U17 von Borussia Mönchengladbach bei einem NLZ tätig - über das Thema gesprochen.

Hallo Dirk, wie ist unsere Jugendabteilung zurzeit aufgestellt?

Wir haben von der U10 bis zur U19 neun Mannschaften. Die Jugend ist traditionell schon lange irgendwo das Aushängeschild des Vereins. Wir legen großen Wert auf qualifizierte Trainer, deren Ausbildung wir finanziell fördern. Ab der U12 haben alle Trainer eine DFB-Lizenz. Wir haben aktuell drei A-Lizenz-Inhaber sowie mehrere B-Elite-Lizenz- und B-Lizenz-Inhaber. Zwei lizensierte Athletiktrainer und vier lizensierte Torwarttrainer gehören ebenfalls zum Trainerstab. Wir spielen aktuell mit der U15, U17 und U19 zusammen mit den Mannschaften der Bundesligisten in den höchsten deutschen Ligen. Das ist für einen Regionalligisten schon ein Erfolg. Jede Saison schaffen zwei bis vier Spieler den Sprung in die erste Mannschaft. Wir sind im Gegensatz zu Rot-Weiß Oberhausen und Rot-Weiss Essen kein NLZ, ich sehe uns mit den beiden aber auf Augenhöhe.

Wie ist unser Nachwuchs im Vergleich zur Jugend zum Beispiel des Cronenberger SC oder FSV Vohwinkel aufgestellt?

Die Kluft ist groß. Wir trainieren schon in der U10 dreimal pro Woche und spielen oft samstags und sonntags. Vohwinkel und Cronenberg trainieren bei den jüngeren Mannschaften zweimal pro Woche und haben dann ein Spiel am Wochenende. Der FSV Vohwinkel spielt aktuell in keiner Leistungsklasse. Das sind zu uns ungefähr vier Klassen Unterschied. Da hat der neue Jugendleiter Peter Jansen viel Arbeit vor sich. Der CSC spielt mit der U15 in der Niederrheinliga - eine Klasse unter uns. Auch vor einigen Jahren hat der CSC in der U15 ein Jahr in der Niederrheinliga gespielt, in der A- und B-Jugend sind sie knapp am Aufstieg gescheitert.

Gehen viele Jugendliche den Weg von den Stadteilvereinen über den WSV zu einem NLZ?

Von der U10 bis zur U12 sind wir noch auf Augenhöhe mit den ambitionierten Vereinen aus der Umgebung - wie SV Bayer Wuppertal, SSVg Velbert oder SC Velbert. In diesem Alter kommen die Jungs von diesen Vereinen dann zum WSV. Anschließend gehen pro Saison sechs bis acht Jungs, hauptsächlich aus dem Bereich der U13 bis U16, weiter zu einem Bundesligisten.

Was bedeutet die geplante Reform für unsere Jugendmannschaften?

Von der U14 bis zur U19 sollen die höchsten Ligen alle abgeschafft werden. Die NLZ würden dann in kleineren, lokalen Gruppen unter sich bleiben und die Besten aus den Gruppen würden drei- oder viermal im Jahr Turniere über jeweils ein komplettes Wochenende spielen. Schon ab der U14 könnten wir, weil wir nicht als NLZ lizensiert sind, nicht mehr in einer Liga mit Borussia Dortmund, Schalke 04 oder Borussia Mönchengladbach antreten. Wir würden mit unserer U19 dann zum Beispiel auf ewig in der Niederrheinliga um die goldene Ananas spielen. Wenn wir heute A- oder B-Jugendliche zum WSV holen möchten, ist es für die Spieler ein Anreiz, sich in der höchsten Klasse präsentieren zu können und gegen die großen Klubs zu spielen. Nach der Reform hätten wir keine Argumente mehr, Spieler jenseits der U14 zum Wuppertaler SV zu holen.

Außerhalb eines NLZ wäre der Traum vom Profifußball dann schnell ausgeträumt.

Ja, allerdings werden Spieler vom WSV, RWO oder RWE auch heute in der Regel keine Profifußballer. Die schaffen es sehr, sehr selten in den Profibereich. Wir bilden die Jungs eher für die vierte oder fünfte Liga aus. Wenn wir zwei oder drei Spieler in unsere erste Mannschaft hineinbekommen, freuen wir uns darüber eigentlich schon.

Thomas Tuchel oder Julian Nagelsmann haben ohne Umwege den Sprung vom Jugend- zum Bundesliga-Trainer geschafft, Pascal Bieler und Stefan Vollmerhausen bei uns den Sprung zum Regionalliga-Trainer. Die Befürchtung ist ja, dass dadurch zunächst schwächere, aber talentierte Spieler nicht genügend Einsatzzeiten bekommen, da die Trainer robustere, aber untalentierte Spieler für den schnelleren Erfolg vorziehen könnten. Wie findest du daher generell die Idee, den Wettkampf etwas herauszunehmen?

Ich finde das persönlich nicht gut. Wenn die Spieler über mehrere Jahre keinen richtigen Wettkampf hätten, denke ich, dass sie im Seniorenbereich Probleme bekommen würden. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die Trainer dann von der U14 bis zur U19 nur noch darauf achten, Spieler individuell auszubilden. Es ist blauäugig zu glauben, dass die Talente ohne Ergebnis-Fußball besser ausgebildet würden. Die Trainer möchten doch nach wie vor ihre Spiele gewinnen. Als Wuppertaler SV spielst du halt anders als Schalke 04. Wenn du die Klasse halten möchtest, spielst du ein bisschen defensiver und versuchst zunächst, erst mal kein Tor reinzubekommen. Schalke, Dortmund und ähnliche Teams kommen dann schon mehr über die Technik, den Spielaufbau und haben viel Ballbesitz. Aber nachher in der Bundesliga ist es doch auch nicht anders. Wenn Bayern München bei Augsburg spielt, steht Augsburg auch hinten drin.

Das heißt, der WSV müsste ein NLZ gründen, um weiter gegen die Besten spielen zu können. Was fehlt unserer Jugendabteilung vom Aufbau und der Struktur dazu noch?

Da fehlt uns vor allen Dingen Geld. Bei einem NLZ gibt es viele verschiedene Kriterien. Mit unseren Sportplätzen und insbesondere nach dem Umbau der Turnhalle am Stadionnebenplatz erfüllen wir die Anforderungen an die Infrastruktur. Um ein NLZ zu werden, benötigt man aber festangestellte Mitarbeiter: Man muss einen Leiter mit Fußballlehrer-Ausbildung und einen Trainer mit einer A-Lizenz haben. Zusätzlich müssen ein Physiotherapeut, ein Torwart-Trainer, ein Athletik-Trainer und eine Organisationskraft angestellt werden. Das sind fünf bis sechs Vollzeitbeschäftigte. Die Position des Torwart-Trainers könnten vielleicht auch zwei 450-Euro Kräfte ausfüllen. Aber jemand mit Fußballlehrer-Ausbildung darf in der Bundesliga trainieren. Den kriegst du nicht „für 'n Appel und 'n Ei“. Oftmals sind das auch ehemalige Profis, die höhere Gehälter gewöhnt sind. Diese personellen Anforderungen sind also enorm hoch und kosten viel Geld.

Macht es bei diesen Kosten für den WSV Sinn über die Gründung eines NLZ nachzudenken?

Wir führen bereits Gespräche, aber konkret ist noch nichts. An Personalkosten wirst du schon einen sechsstelligen Betrag brauchen - und das pro Jahr. Es nützt ja auch nichts, wenn du die Finanzierung für ein Jahr gesichert hast. Du müsstest einen oder mehrere Sponsoren haben, die hochklassigen A-Jugend-Fußball fördern wollen und diesen Betrag über fünf Jahre garantieren.

Braucht ein Regionalligist denn ein Ausbildungszentrum für Profifußballer?

Wenn man langfristig denkt, macht das schon Sinn. Wir wollen schließlich irgendwann auch wieder ein bisschen höher spielen. Für einen Regionalligisten, der gegen den Abstieg spielt, macht es keinen Sinn, soviel Geld dort reinzustecken. Die Spiele gegen die Bundesligisten sind aber andererseits auch attraktiv. Letztes Jahr konntest du Youssoufa Moukoko und Giovanni Reyna im Stadion sehen, an das Pokalspiel gegen Stuttgart im Schnee werden wir uns auch in zehn Jahren noch erinnern können. Das war für die Jungs wahrscheinlich das größte sportliche Erlebnis ihres Lebens.

Ist der Umbau der Turnhalle denn schon für die Anforderungen eines NLZ konzipiert?

Ja, genau. Die für ein NLZ benötigte Infrastruktur ist dort gegeben. Wir haben auf insgesamt 800 m² Grundfläche drei Büros, einen Raum und ein Büro für den Physio, ein Arztzimmer, drei Apartments, einen Multifunktionsraum für Videoanalysen und Mannschaftsbesprechungen, sowie einen 130 m² großen Athletikraum. Die Apartments sind schon mit Betten eingerichtet, eine Küche soll noch eingebaut werden. Das ist aber wie so oft eine Frage des Geldes. Neben der Jugend kann die erste Mannschaft die Halle bei schlechtem Wetter mitnutzen, verletzte Spieler können dort zum Beispiel auch Fahrradfahren.

Welche Reformen sind denn darüber hinaus geplant? Gibt es da auch Dinge, die du sinnvoll findest?

Ja, es gibt auch Sachen, die ich zum Teil gut finde. Es sollen zum Beispiel zusätzliche Trainer ausgebildet werden und 40 DFB-Trainer sollen in den Landesverbänden die Jungs fördern. Bessere Trainer im Jugendbereich können bessere Grundlagen legen. Der Regionalligatrainer ist schon wichtig, um die Jungs zum Spielen zu bringen, aber die Grundlagen werden ja viel früher gelegt. Wer nach der U15 den Ball nicht stoppen kann, lernt das auch danach nicht mehr. Der Leistungsdruck ist insgesamt schon auch zu hoch. Das führt dazu, dass die NLZ sich alte Spieler holen. In den U15- bis U17-Mannschaften sind bestimmt 70 Prozent der Spieler in den Monaten Januar bis März geboren. Das kann der DFB durch Regelungen verhindern. Es gibt den Ansatz, mit drei Halbzeiten zu spielen und in der dritten Halbzeit nur Spieler spielen zu lassen, die im zweiten Halbjahr geboren sind. Außerdem sollen in den jüngeren Jahrgängen die Mannschaftsstärken verringert werden, sodass man nur noch vier gegen vier spielt. Das führt dann zu viel mehr Ballkontakten und zu einer besseren fußballerischen Ausbildung.

Vielen Dank für das Gespräch, Dirk!


Das anstehende Heimspiel am kommenden Sonntag, den 7. Februar 2021, um 14:00 Uhr, nutzten wir, um auch mit Fortuna Köln-Trainer Alexander Ende kurz über das Thema zu sprechen.

Herr Ende, halten Sie es für sinnvoll, dass die höchsten Ligen abgeschafft und durch Turniere unter den NLZ ersetzt werden sollen?

Grundsätzlich glaube ich schon, dass eine spannende und attraktive Meisterschaft auch eine Ausbildung dafür ist, erfolgreich Fußball zu spielen. Durch die Chance, etwas Großes erreichen zu können, wollen wir den Spielern ja auch eine Siegermentalität beibringen. Genauso ist der Kampf um den Klassenerhalt eine reizvolle Aufgabe. Wenn es nach der Reform egal wäre, ob ich gewinne oder verliere, weiß ich nicht, ob das für die Mentalität der Jungs so förderlich wäre. Dieses Thema kann man aber sicherlich aus verschiedenen Perspektiven argumentieren und ich glaube, dass sich sehr viele Leute Gedanken dazu gemacht haben, wie wir unsere Talente in Zukunft optimal fördern können. Es wird auch schlüssige Argumente für die Abschaffung der Ligen geben. Dadurch nimmt man den Druck vielleicht ein bisschen raus und kann die Spielzeiten gleichmäßiger verteilen, sodass sich junge Spieler in Ruhe entwickeln können. Es gibt sicherlich Argumente dafür und dagegen.

Fortuna Köln hat auch kein NLZ. Ist die Gründung geplant?

Wir schauen aufgrund dieser Reformen jetzt auch, ob wir in Zukunft diesen Schritt machen können. Aber das kostet wahnsinnig viel Geld und man muss viele Bedingungen erfüllen. Das ist nicht so einfach zu stemmen. Aber wenn man irgendwann in diesem Kreis mitspielen will und eine optimale Ausbildung von der Basis her haben möchte, wird man dazu gezwungen sein, in diesem Feld zu investieren.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Ende!

Quelle: neunzehn54

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