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Dienstag, 22.09.2020 -

Verein

Erinnerungen an Wolfgang Jerat

Durch ein 4:2 gegen Preußen Münster feierte der WSV am 7. Juni 1992 den Aufstieg in die 2. Bundesliga

Würde man unter WSV-Fans eine Umfrage starten, mit welcher Spielzeit der Vereinshistorie sie die schönsten Erinnerungen verbinden, so wäre die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sowohl die Saison 1991/92 mit dem Aufstieg in die 2. Bundesliga, als auch die Saison 2007/08 mit den DFB-Pokalspielen gegen die Erstligisten Hertha BSC und Bayern München unter den Top 5 landen würden. Als WSV-Trainer in beiden Spielzeiten an der Seitenlinie: Wolfgang Jerat. Ein Hintergrundbericht der neunzehn54-Redaktion für Ausgabe 1 des WSV-Stadionmagazins.

Am 11. Juli 2020 berichteten Kölner Medien überraschend vom Tod des ehemaligen FC-Trainers Wolfgang Jerat. Der Bonner SC, mit dem Jerat in der Saison 2008/09 von der NRW-Liga in die Regionalliga West aufgestiegen war und dort 2009/10 souverän den sportlichen Klassenerhalt geschafft hatte, drückte in einem Facebook-Post seine Anteilnahme aus. Der 1. FC Köln setzte einen Nachruf auf seine Homepage. Der gebürtige Kölner Wolfgang Jerat war unerwartet im Alter von 65 Jahren in Ghana, wo er zuletzt für eine Fußballakademie tätig gewesen ist, verstorben.

Wolfgang Jerats Werdegang ist mit dem Fußball im Kölner Raum eng verbunden. Der am 9. Februar 1955 geborene Jerat wuchs im rechtsrheinischen Stadtteil Kalk auf und trug als Verteidiger das Trikot verschiedener Amateurvereine aus Köln und Umgebung, ehe er im Alter von gerade einmal 29 Jahren auf die Trainerbank wechselte. Nach seinem Sportstudium an der Deutschen Sporthochschule in Köln und dem Lehrgang zum Fußballlehrer im Jahr 1985 wurde Jerat zur Saison 1986/87 Assistent von Willibert Kremer beim Oberligisten Viktoria Köln. Beim FC stieg er im Sommer 1992 als Trainer der 1. Amateurmannschaft ein und wurde im Februar 1993 nach der Entlassung von Jörg Berger zum Coach des in Abstiegsnot befindlichen Lizenzspielerteams berufen. Zwar startete der FC unter Jerat am 20. Spieltag mit einem 3:1-Sieg gegen Dynamo Dresden, doch unter dem Strich blieb die entscheidende Trendwende mit drei Siegen, einem Unentschieden und fünf Niederlagen aus, so dass im April 1993 Morten Olsen als neuen Trainer verpflichtet wurde. Wolfgang Jerat blieb dessen Assistent, bis beide im August 1995 entlassen wurden. Zuvor hatte das Trainergespann in der Saison 1994/95 mit dem 1. FC Köln das DFB-Pokal-Halbfinale erreicht, wo Bodo Illgner, Bruno Labbadia, Toni Polster & Co. am 11. April 1995 vor 36.000 Zuschauern im Müngersdorfer Stadion mit 0:1 gegen den VfL Wolfsburg unterlagen. Auf Kölner Seite übrigens ebenfalls im Einsatz: Verteidiger Karsten Baumann, der von 2003 bis 2005 in 64 Pflichtspielen das WSV-Trikot trug. Wolfgang Jerat trainierte im Laufe seiner Karriere außerdem unter anderem den Oberligisten FC Junkersdorf aus dem Kölner Westen, sowie in der Saison 2012/13 den damaligen Regionalligisten Viktoria Köln, wo er aus gesundheitlichen Gründen nach nur zwei Monaten zurücktreten musste.

Fans trugen Jerat auf den Schultern durch den Innenraum

Doch nicht nur der Kölner Fußball, sondern auch der Wuppertaler SV ist mit insgesamt drei Amtszeiten fest in Wolfgang Jerats Vita verankert. Am 1. Juli 1990 - der WSV hatte gerade die Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga mit sechs Niederlagen aus acht Spielen miserabel abgeschlossen - kam der zu diesem Zeitpunkt 35-jährige Jerat erstmals als Trainer ins Tal, nachdem er 1988 auf seiner ersten Trainerstation für neun Monate den tunesischen Erstligisten US Monastir betreut hatte. In seiner Premierensaison als WSV-Coach in der Oberliga Nordrhein 1990/91 erreichte Jerat mit der Mannschaft Platz 3 hinter Alemannia Aachen und Meister FC Remscheid. Defensive war schon damals nicht das Ding des Wolfgang Jerat, der im Vorfeld der Folgesaison 1991/92 selbstbewusst über sich sagte: „Ich habe mich selbst unter Druck gesetzt, indem ich sagte, wir wollen aufsteigen. (…) Es gibt nicht viele bessere Trainer als mich, das haben nur noch nicht alle erkannt!“ (Stadionmagazin „WSV Treffpunkt“, Saison 1991/92, Ausgabe 1). Jerat hielt Wort. Am Ende der Saison 1991/92 gelang mit Platz 1 knapp vor Rot-Weiss Essen erneut die Qualifikation für die Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga. Fast 6.000 Zuschauer sahen im Schnitt die Heimspiele des WSV in der Oberliga und bejubelten Akteure wie Jörg Albracht, Kurt Balewski, Sven Christians, Michael Kentschke, Hannes Reif, Thomas Pröpper und Goalgetter Rudi Müller. Zum Spitzenspiel gegen Rot-Weiss Essen am 16. April 1992 (Endstand: 0:0) reisten 20.000 Fans ins Düsseldorfer Rheinstadion. Die Haupttribüne im Stadion am Zoo war aufgrund des Umbaus gesperrt, so dass der WSV aus Kapazitätsgründen in die Landeshauptstadt ausgewichen war. Am letzten Spieltag konnte die Meisterschaft schließlich durch einen 2:1-Sieg vor 12.000 Zuschauern im Stadion am Zoo gegen Bayer Leverkusens Amateure unter Dach und Fach gebracht werden.

Die anschließende Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga wurde zum Triumphzug. Die Bilanz gegen die Konkurrenten FSV Salmrohr und Preußen Münster lautete am Ende: 4 Spiele, 4 Siege, 8:0 Punkte, 11:4 Tore. Der WSV gewann im ersten Spiel in Münster bei den zuvor seit 36 Heimspielen ungeschlagenen Preußen vor 5.000 mitgereisten WSV-Fans durch Tore von Marc Schweiger und Christian Broos mit 2:1. Es folgte ein 1:0-Heimsieg vor knapp 13.000 Zuschauern gegen den FSV Salmrohr. Siegtorschütze: Rudi Müller. Und als der WSV am 7. Juni 1992 im Stadion am Zoo auch gegen Preußen Münster mit 4:2 die Oberhand behielt, durften 14.000 Fans bereits im dritten von vier Spielen den Aufstieg in die 2. Bundesliga feiern. Trainer Wolfgang Jerat wurde auf Schultern durch den Innenraum des Stadions getragen. Nachdem auch noch das letzte Spiel mit 4:1 in Salmrohr gewonnen worden war, konnte Wolfgang Jerat die Früchte seiner Arbeit anschließend nicht mehr ernten. Trainer und Verein hatten sich schon im Vorfeld nicht auf eine Weiterbeschäftigung einigen können. Jerat ging zum FC und der WSV mit Trainer Gerd vom Bruch in die 2. Bundesliga 1992/93.

In der Spielzeit 1996/97 kehrte Wolfgang Jerat ein erstes Mal zurück zum WSV und erreichte mit der Mannschaft in der damals drittklassigen Regionalliga West / Südwest am Ende den 6. Tabellenplatz. Die SG Wattenscheid 09 stieg vor Rot-Weiß Oberhausen und dem 1. FC Saarbrücken in die 2. Bundesliga auf, der bergische Nachbar FC Remscheid landete auf Rang 15. Knut Hartwig, damaliger Mittelfeldspieler des WSV und heute Leiter Medien & Kommunikation im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund erinnert sich: „Es machte Spaß, unter ihm Fußball zu spielen. Wir hatten eine taktisch gute Ausrichtung und haben als Mannschaft auf und auch neben dem Feld ganz gut harmoniert. Klar, am Ende fehlten dann auch die Ergebnisse. Wir kamen in der ganzen Saison nie so richtig in den Dunstkreis der Aufstiegsplätze.“ (Stadionmagazin „neunzehn54“, Saison 2018/19, Ausgabe 9).

Offensivspektakel, Drafi Deutscher… und Stefan Effenberg

Wesentlich spektakulärer verlief dann aber die dritte Amtszeit in der damals drittklassigen Regionalliga Nord 2007/08 als Nachfolger von Uwe Fuchs. Wolfgang Jerat hatte im Vorfeld das Saisonziel erneut offensiv formuliert: „Wir wollen, ohne überheblich zu wirken, in die 2. Bundesliga aufsteigen. (…) Wir haben uns ganz klar zu unserem Ziel bekannt und werden alles daran setzen, dies auch umzusetzen, um am Ende in der 2. Bundesliga zu stehen.“ (Stadionmagazin „WSV aktuell“, Saison 2007/08, Ausgabe 1). Doch Jerat war nicht nur verbal nach vorne gegangen, sondern hatte eine starke Mannschaft geformt, mit der er seine Vorstellungen von begeisterndem Offensivfußball konsequent umsetzen konnte. Mahir Saglik, der am Ende der Saison direkt in die 1. Bundesliga zum VfL Wolfsburg mit Trainer Felix Magath wechselte und dort UEFA-Cup spielte, und der vom FSV Mainz 05 gekommene Tobias Damm, dem die Stadionregie „Marmor, Stein und Eisen bricht“ von Drafi Deutscher als Torhymne widmete („Weine nicht, wenn der Regen fällt, DAMM-DAMM, DAMM-DAMM“) bildeten einen Traumsturm, der zusammen 42 Saisontore erzielte. Hinter dem Duo, das heute beim KSV Hessen Kassel wiedervereint ist - Saglik als Spieler, Damm als Trainer -, agierten kreative Mittelfeldspieler wie Mike Rietpietsch, Michael Lejan und Sven Lintjens. Haudegen wie Daniel Voigt, Andre Wiwerink, Michael Stuckmann, Dennis Malura und Torwart Christian Maly bildeten die Defensive. Zudem als Stammspieler mit der Rückennummer 4 im defensiven Mittelfeld: Tim Jerat, Sohn des Trainers, der später unter anderem bei Arminia Bielefeld Karriere als Profi machen sollte.

Die Gegner zeigten sich zu Beginn der Saison 2007/08 reihenweise überrascht von der bedingungslosen WSV-Offensive. Jerat positionierte bei gegnerischen Eckbällen konsequent drei Angreifer auf der Mittellinie, die Gegner reagierten verdutzt und zogen ihrerseits fünf Spieler zur Bewachung nach hinten, wodurch so manche gegnerische Ecke bereits im Ansatz verpuffte. 7:2 gewann Rot-Blau im Stadion am Zoo gegen den VfL Wolfsburg II, 4:0 gegen den SV Babelsberg und am Ende eines offenen Schlagabtauschs hieß es 4:3 gegen den 1. FC Union Berlin. Aus Ahlen kehrte man mit einem 5:2-, aus Emden mit einem 2:1- und aus Braunschweig mit einem 4:1-Sieg nach Hause. Zuweilen bedeutete der bedingungslose Offensivfußball jedoch einen Ritt auf des Messers Schneide und führte zu deutlichen Niederlagen wie einem 1:5 bei Rot-Weiß Erfurt und einem 0:3 bei Dynamo Dresden. Zu den Erinnerungen an Wolfgang Jerat gehört auch die emotionale 0:2-Auswärtsniederlage beim 1.FC Magdeburg, bei der Mittelfeldspieler Mike Rietpietsch die Rote Karte sah und der Trainer dem Magdeburger Publikum jenen Finger zeigte, den auch schon Stefan Effenberg im Gruppenspiel der WM 1994 gegen Südkorea einigen unzufriedenen deutschen Fans präsentiert hatte...

DFB-Pokal-Erfolge und das größte Spiel der Vereinsgeschichte

Unvergessen ist darüber hinaus die DFB-Pokal-Saison 2007/08: In der 1. Runde empfing der WSV im Stadion am Zoo den Zweitligisten Erzgebirge Aue. Vor 6.685 Zuschauern glich Mahir Saglik nach etwa einer Stunde die zwischenzeitliche Führung der Gäste aus. Da das 1:1-Unentschieden auch nach 120 Minuten Bestand hatte, bat Schiedsrichter Deniz Aytekin die Mannschaften zum Elfmeterschießen, das der WSV schließlich mit 4:3 für sich entschied. In der 2. Runde dann bereits ein absolutes Highlight: Erstligist Hertha BSC kam mit Manager Dieter Hoeneß, Trainer Lucien Favre und Akteuren wie Jaroslav Drobny, Arne Friedrich, Lukasz Pisczek und Pal Dardai nach Wuppertal, wo die Baustelle Stadion am Zoo - die Hintertortribünen wurden umgebaut - mit 12.399 Zuschauern aus allen Nähten platzte. Der WSV hielt - nicht zuletzt dank Torhüter Christian „Bob“ Maly - lange ein torloses 0:0, die Spannung war bereits mit Händen greifbar, als Sven Lintjens in der 80. Minute mit einem Schuss von der Strafraumgrenze die Führung gelang. Sollte das 1:0 noch mit einiger Ungläubigkeit bejubelt worden sein, explodierte das Stadion dann endgültig, als Tim Jerat in der 86. Minute nach einem abgewehrten WSV-Eckball aus dem Hintergrund hätte schießen müssen, schoss… und zum 2:0 ins Tor traf. Ein ebenso großer Jubelschrei dürfte anschließend zeitgleich in einer Vielzahl von Wuppertaler Wohnzimmern ertönt sein, als im Rahmen der Auslosung des DFB-Pokal-Achtelfinals die Kugel des FC Bayern München als Gegner des WSV in die Kamera gehalten wurde. Am Abend nach der Auslosung brach die WSV-Homepage aufgrund des hohen Zulaufs zusammen und war zeitweise nicht mehr erreichbar.

Das DFB-Pokal-Achtelfinale gegen den FC Bayern München fand am 29. Januar 2008 vor 61.482 Zuschauern in der Veltins-Arena zu Gelsenkirchen statt. Der Rekordmeister war angereist mit Trainer Ottmar Hitzfeld, sowie nicht ganz unbekannten Akteuren wie Oliver Kahn, Phillipp Lahm, Franck Ribery, Luca Toni, Miroslav Klose, Bastian Schweinsteiger und Toni Kroos. Doch auch gegen diesen übermächtigen Gegner ließ Trainer Wolfgang Jerat nicht von seiner offensiven Vorstellung ab und gab seiner Mannschaft mit auf den Weg, selbst Akzente setzen zu wollen. Und der zu diesem Zeitpunkt 52-jährige konnte sich mal wieder auf seinen Traumsturm verlassen. Bayern München ging durch Miroslav Klose mit 1:0 in Führung (14.), ehe sich ein wahres Spektakel entwickelte: Tobias Damm traf zum 1:1 (26.), Klose besorgte postwendend die erneute Gäste-Führung (27.), ehe Mahir Saglik wiederum ausglich (29.). 2:2 zur Pause gegen den FC Bayern München - ein Halbzeitstand für die Ewigkeit im größten Spiel der Vereinsgeschichte! Dass sich in den zweiten 45 Minuten schließlich doch die Klasse des Rekordmeisters durchsetze, der auf 5:2 enteilte, dürfte letztlich niemanden sonderlich überrascht haben. Im Gegensatz zu dem Umstand, dass Wolfgang Jerat - immerhin Tabellenführer der Regionalliga Nord - seinen Stuhl Anfang Februar 2008 räumen musste, woraufhin der WSV die Saison nur noch auf Platz 6 beendete. Der Trainer soll sehr tierlieb gewesen sein und seinen Hund sowohl mit zum Training als auch im PKW mit zu Auswärtsspielen genommen haben, anstatt im Mannschaftsbus mitzufahren...

Wolfgang Jerat hat in der Historie des Wuppertaler SV deutliche Spuren hinterlassen. Für viele ist er sogar so etwas wie eine Trainerikone in der jüngeren Vereinsgeschichte. Jerat stand in jederlei Hinsicht für Offensive und hat mit dem WSV zahlreiche sportliche Erfolge gefeiert, obgleich sein Wirken am Zoo in fast tragischer Art und Weise unvollendet geblieben ist: Nach dem Aufstieg 1992 saßen in der 2. Bundesliga seine Nachfolger auf der Trainerbank und in der Saison 2007/08 musste er nach 20 Spieltagen als Tabellenführer der drittklassigen Regionalliga Nord gehen. Am 10. Juli 2020 ist Wolfgang Jerat nun für immer gegangen. Was bleibt, sind die Erinnerungen an zahlreiche Glücksmomente, die er den WSV-Fans beschert hat. Und Erinnerungen an zwei der unvergesslichsten Spielzeiten der Vereinshistorie. Der Wuppertaler SV wird Wolfgang Jerat stets ein ehrendes Andenken in rot-blau bewahren!

Quelle: neunzehn54

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