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Dez
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WSV
Dienstag, 17.11.2020 -

Vorstand

„Wir können jede Unterstützung gebrauchen“

Das große neunzehn54-Vorstandsinterview - Teil 2

Im Stadion am Zoo traf sich die neunzehn54-Redaktion für Ausgabe 4 des WSV-Stadionmagazins mit dem Vorstand - Thomas Richter (Sport), Melanie Drees (Finanzen) und Ulrich Zerrath (Restrukturierung) - zu einem ausführlichen Gespräch über die aktuelle Lage beim WSV und die nächsten Ziele. Hier ist Teil 2 des großen Vorstandsinterviews:

Die Voraussetzungen für eine solche Ausgliederung liegen seit der letzten Mitgliederversammlung vor.

M. Drees: Richtig, das ist auf der letzten außerordentlichen Mitgliederversammlung durch die Mitglieder beschlossen worden.

U. Zerrath: Und der Verwaltungsrat hat auf seiner letzten Sitzung beschlossen, die Ausgliederung der Ersten Mannschaft bis zum Ende der Saison umzusetzen.

Wie muss man sich diesen Prozess der Ausgliederung konkret vorstellen?

M. Drees: Um die Eintragung für die Ausgliederung zu bekommen, muss das Kapital vorhanden sein.

U. Zerrath: Das heißt, dass man den Prozess bereits im Vorfeld mit möglichen Sponsoren gemeinsam gestaltet. Es macht keinen Sinn, dass man einem Sponsor die Fakten ohne Mitspracherecht vorsetzt. Er sollte bei der Ausgliederung bereits dabei sein.

M. Drees: Es wäre unseriös, auszugliedern ohne den entsprechenden Sponsor bereits zu haben.

U. Zerrath: Wir machen das Schrittweise. Es wird Informationsveranstaltungen dazu geben.

Abschluss des Insolvenzverfahrens und damit Schuldenfreiheit, Konsolidierung, Ausgliederung der Ersten Mannschaft - dies ist, auf den Punkt gebracht, der konkrete Fahrplan bis zum Ende der Saison?

Th. Richter: Wir fahren momentan auf Sicht. Aufgrund der Gesamtsituation sind längerfristige Planungen schwierig bis unmöglich. Die Lage verändert sich tagtäglich. Woche für Woche werden neue Verordnungen veröffentlicht und wir müssen jeweils darauf reagieren und zusehen, die jeweils richtige Entscheidung zu treffen. Insofern ist der konkrete Fahrplan natürlich auch davon abhängig, wie sich die Gesamtsituation entwickelt.

Die Zuschauereinnahmen sind dieses Jahr sehr defensiv kalkuliert. Inwiefern werden trotzdem weitere Finanzlöcher durch die aktuelle Corona-Lage gerissen?

M. Drees: Zum Zeitpunkt, als wir den Etat für den Sachwalter aufgestellt haben, haben wir mit einem Zuschauerschnitt von 1.000 Zuschauern zu je 10 Euro kalkuliert.

Th. Richter: Was die Zuschauereinnahmen angeht, haben wir sicherlich ein Defizit. Wir haben zwar vorsichtig kalkuliert, aber uns betrifft es natürlich wie alle anderen Vereine in der Regionalliga auch. Wir sind - und das ist speziell mein Part in diesem Vorstand - in Kontakt mit allen anderen Vereinen. Es sind Kompensationszahlungen, also Zuschüsse vom Land, im Gespräch und damit beschäftigen wir uns intensiv, damit wir zumindest einen Teil der Lücke schließen können. Die Vereine zeigen sich untereinander sehr solidarisch und es finden regelmäßige Telefonkonferenzen mit Vereinsvertretern statt. Jeder kämpft ein Stück weit ums Überleben.

Wie sieht denn derzeit konkret die Unterstützerlandschaft von anderer Seite als von Seiten des Herrn Runge aus?

U. Zerrath: Es hat mich zum Beispiel sehr angenehm überrascht, dass eine Privatperson, die nicht genannt werden möchte, einen größeren fünfstelligen Betrag gegeben hat.

M. Drees: Diejenigen, die sich aktuell für den WSV engagieren, sind diejenigen, die an den WSV glauben. Sie sind von dem überzeugt, was wir auf den Weg gebracht haben - sei es das Insolvenzverfahren oder sei es, wie wir uns in der Zukunft definieren wollen. Daniel Grebe, der für den Bereich Marketing verantwortlich ist, hat diese Leute überzeugt und sie können sich mit unserem Weg identifizieren. Er ist authentisch, mit Herzblut bei der Sache und er nimmt die Leute mit. Es ist dabei egal, ob man sozusagen ein kleiner oder ein großer Sponsor ist. Wir wissen darüber hinaus auch, dass es unser Ziel sein muss, Leute für uns zurückzugewinnen, die sich irgendwann mal abgewandt haben, weil sie sich nicht mehr identifizieren konnten. Wir müssen offen auf sie zugehen, Fehler eingestehen und sie wieder zurück ins Boot holen. Dabei wollen wir ehrlich sein, keine Luftschlösser bauen, aber versichern, dass wir unser Bestes für den Neuaufbau geben. Meiner Ansicht nach muss insgesamt das Ziel und die Stimmungslage sein, dass Menschen wieder mit Stolz das WSV-Emblem auf der Brust tragen, wenn sie durch die Stadt gehen.

Th. Richter: Es sind einige dabeigeblieben, die unseren Weg mitgegangen sind. Aber mein Appell lautet: Es reicht noch nicht aus - wir können jede Unterstützung gebrauchen. Dabei sind wir aus meiner Sicht ganz klar in der Bringschuld. Wir müssen das, was wir sagen, auch umsetzen, damit wir Glaubwürdigkeit und Seriosität vermitteln. Bestes Beispiel ist unser neuer Trikotsponsor, die Stölting Group aus Gelsenkirchen. Daran sieht man, dass der WSV schon auch eine Marke über die Stadtgrenzen hinaus ist und wir für ein Unternehmen, das sich in der Bundesliga engagiert, so interessant sind, dass sie bei uns auf das Trikot gehen. Das ist ein ganz klares Zeichen, aber wir brauchen aus der Stadt, aus der Umgebung, aus dem Bergischen Land noch mehr Leute, die davon überzeugt sind, dass der WSV eine Zukunft hat.

Die derzeitige Corona-Lage macht es natürlich nicht einfacher, Unterstützer zu gewinnen.

Th. Richter: Wir haben natürlich derzeit ein paar Unbekannte in der Rechnung, aber wir können nur zusehen, dass wir nach bestem Wissen und Gewissen die Dinge vorantreiben, soweit sie in unseren Möglichkeiten stehen. Wir hoffen, dass der WSV immer noch diese Strahlkraft in der Stadt besitzt, dass den Leuten auffällt, wenn hier wieder seriös und vernünftig gearbeitet wird, sodass sie den Weg zurück zum WSV finden.

M. Drees: Ich denke, mit ein paar Spielern, die im Sommer zu uns gekommen sind, haben wir auch ein Signal setzen können, dass sich die Fans wieder mehr mit der Mannschaft identifizieren können, wenn ich zum Beispiel an Rückkehrer Jonas Erwig-Drüppel denke, der in seiner ersten Zeit bei uns eine Art Publikumsliebling war.

Was sind die Ziele in der sportlichen Entwicklung?

Th. Richter: Was das Sportliche angeht, kann man sagen, dass wir bislang das umsetzen konnten, was wir uns vorgenommen hatten. Wir hatten die Strategie, mit dem Kern der Mannschaft zu verlängern, denn es war zu spüren, dass sich da eine funktionierende Einheit mit intensivem Teamgeist entwickelt. Das ist uns gelungen. Bis auf Lukas Knechtel, den wir auch gerne behalten hätten, sind alle Spieler geblieben, die wir behalten wollten. Wir wollten drei bis fünf U19-Spieler hochziehen - vier sind es nun geworden. Darüber hinaus wollten wir drei bis fünf externe Spieler hinzuholen, die die Qualität haben, für uns in der Regionalliga eine Verstärkung darzustellen. All dies haben wir eins zu eins eingehalten. Die Spieler, die geblieben sind, haben wir von unserem Weg überzeugt. Ich glaube, dass wir auch ein gutes Krisenmanagement in der Lockdown-Phase gemacht haben. Wir haben die Spieler regelmäßig informiert, haben Telefonkonferenzen abgehalten und die Spieler immer wieder auf Stand gebracht. So wie ich gehört habe, war das nicht in jedem Verein der Fall. Wir haben bekanntermaßen einen fantastischen Unterbau und es muss immer das Bestreben sein, dass Spieler aus dem Nachwuchs den Sprung in die erste Mannschaft schaffen. Wir haben das Saisonziel, in diesem Jahr eine sportlich sorgenfreie Saison zu spielen.

Und welche Entwicklung ist über die Saison hinaus angedacht?

Th. Richter: Wir wollen uns stetig weiterentwickeln. Es ist doch ganz klar: Die Spieler, die bei uns eine gute Leistung bringen, werden für andere Vereine interessant. Es wird somit vielleicht nicht immer gelingen, alle Spieler hier zu behalten, die wir behalten wollen. Aber wir haben Stephan Küsters als sportlichen Leiter bekommen und sind mit ihm in diesem Bereich hervorragend aufgestellt. Das ist eine Aufgabe, die ich neben meinem Hauptberuf gar nicht leisten könnte. Stephan ist jeden Tag hier und kümmert sich um das Tagesgeschäft. Wir stimmen uns ab und was die Ausrichtung angeht, sind wir - wie auch mit Alex Voigt - in ständigem Kontakt und Austausch. Weitere Unterstützung erhalten wir von Gaetano Manno, in erster Linie im Scouting-Bereich. Er beobachtet die nächste gegnerische Mannschaft und sichtet Spieler. Somit haben wir letztendlich mit Trainer Alex Voigt, Co-Trainer Samir El Hajjaj, Stephan Küsters, Gaetano Manno und mir fünf Personen, die den Spielermarkt beobachten. Es war auch in diesem Sommer so, dass wir verschiedene Kandidaten als Neuzugänge im Blick hatten, uns ausgetauscht und schließlich Entscheidungen getroffen haben. So läuft das bei uns konkret und wir haben das Ziel, uns Schritt für Schritt weiterzuentwickeln und Qualität hinzu zu gewinnen. Ich möchte, dass wir auf einer vernünftigen wirtschaftlichen Basis sportlich in Ruhe wachsen. Natürlich wissen wir alle, wie eine Saison auch mal verlaufen kann, wenn gerade alles zusammen kommt, wenn alles funktioniert und die Mannschaft einen guten Lauf hat. Gegen so einen Positivlauf hätte ich nichts, ich möchte schließlich so erfolgreich wie möglich sein. Wir alle wollen nach Möglichkeit immer das nächste Spiel gewinnen. Wir wollen eine sorgenfreie Saison spielen, das ist unser Ziel. Nach oben ist alles offen und es hätte doch keiner etwas dagegen, wenn man am Ende einer Saison zum Beispiel Dritter wird. Aber realistisch gesehen müssen wir ruhig bleiben und die Kirche im Dorf lassen.

Thomas Richter und Melanie Drees sind beim WSV schon länger bekannt. Herr Zerrath, wie sieht Ihre Rolle beim WSV konkret aus?

U. Zerrath: Ich bin für die insolvenzrechtliche Seite sowie die Sanierung und Restrukturierung des Vereins verantwortlich. Mein Amt als drittes Vorstandsmitglied ist zeitlich beschränkt auf diese Phase. Wenn die Sanierung abgeschlossen ist, bin ich wieder autark. Dies ist vertraglich auch so fixiert. Ich bin kein Wuppertaler, mag aber den Verein. Ich bin damals als Kind in Wuppertal gewesen, bin Schwebebahn gefahren und in den Zoo gegangen.

Thomas, bei dir hört man heraus, dass du dich als Vorstandsmitglied um mehr als den sportlichen Bereich kümmerst?

Th. Richter: Als Vorstandsmitglied ist man automatisch mehr in die Gesamtprozesse involviert. Dadurch dass ich auch eine lange WSV-Vergangenheit habe, liegt es schon auch in der Natur der Sache, dass ich viele Themen mitbekomme. Aber wir haben im Vorstand eine ganz klare Aufgabenverteilung. Für mich ist es auch unglaublich positiv, dass Herr Zerrath mit im Vorstand ist, denn für diese insolvenzrechtlichen Dinge und Restrukturierungsmaßnahmen braucht man einen absoluten Fachmann wie ihn. Ich bin Sportvorstand und dies ist meine Kernkompetenz. Melanie Drees - als Steuerberaterin - ist als Finanzvorstand an der Position.

Melanie, du hast gesagt, es muss insgesamt das Ziel und die Stimmungslage sein, dass Menschen wieder mit Stolz das WSV-Emblem auf der Brust tragen, wenn sie durch die Stadt gehen. Welche konkreten Schritte sind geplant, um diese Stimmungslage zu erreichen?

M. Drees: Wir müssen das Vertrauen in den Verein wieder aufbauen und den Spaß am Verein vermitteln. Ich denke an entsprechendes Marketing und Merchandising. Wir müssen den Verein durch Aktionen in der Stadt platzieren, von Plakaten, über Flyer bis hin zu Festivitäten. Ich erinnere mich beispielsweise an Aktionen, die das Fanprojekt initiiert hat oder die Präsenz am Langen Tisch. Wir müssen auf die Fans zugehen und die Leute mitnehmen. Nicht nur an den Spieltagen, sondern auch aktiv durch andere Aktionen. Auch soziales Engagement ist unheimlich wichtig, allerdings nicht um sich zu profilieren, sondern um eine ehrliche Haltung zu zeigen.

U. Zerrath: Für mich steht der sportliche Erfolg über allem. Die Leute kommen, wenn der sportliche Erfolg da ist. Momentan ist ein Trend zu erkennen, dass es nach vorne geht. Man muss Jahr für Jahr das Ziel haben, den Tabellenplatz zu verbessern. Die Leute müssen merken, dass es aufwärts geht.

Wir bedanken uns für das ausführliche Gespräch, wünschen in erster Linie Gesundheit und darüber hinaus ein gutes Händchen bei den zu treffenden Entscheidungen im Sinne des WSV!

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